Nordkorea vs Brasilien

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Herzrasen-Ticker

Die Superdemokraten schlagen Brasilien

VON SEBASTIAN DALKOWSKI – zuletzt aktualisiert: 16.06.2010 – 07:20

Düsseldorf (RPO). Mit einem tollen 2:1 hat Nordkorea das brasilianische Team bei der WM in Südafrika besiegt. Das glaubt zumindest unser nordkoreanischer Kommentator Sebastian Kim-Jong Dalkowski, der das Spiel völlig verblendet getickert hat.
“Jungs, wenn Ihr nicht weiterwisst, dann einfach fliegen.” Der nordkoreanische Nationaltrainer Kim Jong Hun. Foto: AFP //
“Jungs, wenn Ihr nicht weiterwisst, dann einfach fliegen.” Der nordkoreanische Nationaltrainer Kim Jong Hun. Foto: AFP

20.15 Uhr Im Namen des großen Friedensstifters Kim Jong-il heiße ich Sie herzlich Willkommen zur Partie zwischen Brasilien und Nordkorea. Ich fiebere dem verdienten 5:1- Sieg des nordkoreanischen Teams bereits voller Vorfreude entgegen.

20.20 Uhr In der westlichen Feindpresse war im Vorfeld zu lesen, dass wir unsere fußballbegeisterten Mitbürger nicht nach Südafrika reisen lassen. Dazu ist festzustellen, dass wir Nordkoreaner aufgrund unserer Heimatverbundenheit eine Flugangst entwickelt haben, die die meisten davon abhält, in einen Flieger zu steigen.

20.24 Uhr Die Mannschaft hat unser großer Friedensstifter Kim Jong-il gewohnt kompetent zusammengestellt. Er selbst wäre mühelos in der Lage gewesen, auf allen elf Positionen gleichzeitig zu spielen. Doch weil er gerade ein freiwilliges Praktikum in einem nordkoreanischen Kinderkrankenhaus macht, musste er schweren Herzens absagen.

20.28 Uhr In der westlichen Feindpresse war im Vorfeld ebenfalls zu lesen, dass unserem Team die fußballerische Qualität fehlt. Dazu ist festzustellen, dass dies eine bodenlose Unverschämtheit ist. Schließlich hat eine glückliche nordkoreanische Bauernfamilie das Fußballspiel vor dreitausend Jahren erfunden. Damals lebten die Menschen in Brasilien noch auf den Bäumen.

20.29 Uhr Und die Menschen in Europa hatten damals noch gar keine Bäume. Und die Menschen in Südkorea hatten noch kein Land.

20.30 Uhr Und da ist der Anpfiff. Unser Team hat sich bereits den Ball erkämpft. Das ist der Sieg.

20.35 Uhr Unser Team schießt fast das erste Tor. Doch wir Nordkoreaner sind höfliche Menschen und halten das Spiel für die Zuschauer spannend.

20.38 Uhr Viel werden sich fragen, warum wir seit 1966 nicht an einer WM teilgenommen haben. Das hängt vor allem damit zusammen, dass wir dem Rest der Welt lange genug Zeit geben wollten, um aufzuschließen. Eine Idee unseres Friedensstifters Kim Jong-il.

20.39 Uhr Eine Idee unseres GROSSEN Friedensstifters. Dieser Fehler wird mir kein zweites Mal unterlaufen.

20.42 Uhr Jong Tae-se dribbelt sich gekonnt durch die brasilianische Abwehr. Der Abschluss ist so überzeugend wie unser Umgang mit den Menschenrechten.

20.45 Uhr Vor der WM war zu hören, dass Brasilien zu den Turnierfavoriten gehört. Diese Behauptung ist so lächerlich wie jene, dass wir kürzlich ein südkoreanisches Kriegsschiff abgeschossen haben. Dass die Brasilianer mit unseren Ballkünstlern auf dem Platz stehen dürfen, sollte sie mit Demut erfüllen.

20.48 Uhr Unsere friedensstiftende Tageszeitung hat heute noch bemängelt, dass die brasilianischen Spieler nicht ausreichend zu Essen bekämen. Das wäre in unserem Land nicht vorstellbar, das genug Strom produziert, um damit sogar unsere Kolonie, das darniederliegende Südkorea, zu unterstützen.

20.51 Uhr Ich kann es nicht anders sagen, es ist ein Spiel auf ein Tor. Auf den ersten Blick ist nichtmal zu erkennen, welche Sportart Brasilien gerade ausübt.

20.55 Uhr Westliche Kommentatoren sprechen die Namen unserer Spieler falsch aus. Notiere mir einen Kerl namens Bela Rethy. Ich werde später unser friedensstiftendes Ministerium für Staatssicherheit informieren, damit es ihm einen freundlichen Nachhilfelehrer stellen.

20.58 Uhr Die Feindpropaganda hat uns vorgeworfen, bloß zu verteidigen. Richtig ist: In der Defensive sind wir stark, weil wir es nicht gewohnt sind, andere anzugreifen.

21.01 Uhr Es ist eine große Freude, unsere Spieler marsch… ähm voranschreit… äh vorandribbeln zu sehen. Die Brasilianer spielen wie Nacktmulle oder noch schlimmer: wie Südkoreaner.

21.06 Uhr Noch zehn Minuten bis zur Pause. Unser Team hält sich momentan zur Hälfte in der Kabine auf, um ehrenamtlich die Wände zu streichen. Die Stärke des Gegners gibt das auf jeden Fall her. Hören Sie auch den Sound der Vuvuzelas? Fast so schön wie der einer Stalin-Orgel.

21.10 Uhr Eine aktuelle Durchsage für meine nordkoreanischen Mitbürger. Der tägliche Gesundheitsreport unseres großen Friedensstifters Kim Jong-il: Der Heiland erfreut sich wie gewohnt bester Gesundheit. Erst heute morgen erlegte er einen Drachen. Ein Mann namens Siegfried störte ihn dabei. Dem gab er Saures.

21.15 Uhr Halbzeit. Es steht noch 0:0. Das hängt vor allem damit zusammen, dass die nordkoreanische Mannschaft gerade geschlossen einigen alten Menschen in der ersten Reihe schöne, alte Volksmärchen aus Nordkorea vorliest. Die alten Menschen jauchzen vor Freude.

21.21 Uhr Wie ich soeben erfahre, ist Kim Jong-il so zufrieden mit meinen Leistungen als Kommentator, dass er meine tägliche Lebensmittelration heraufsetzt. Lieber Kim Jong-il, ich verneige mich in tiefer Dankbarkeit und gebe mit fast schlechtem Gewissen zu, dass die mir zuvor zugeteilten 1000 Kalorien täglich bereits mehr als ausreichend waren. Ich weiß auch, dass Sie als Kommentator jeden anderen übertreffen.

21.26 Uhr Der deutsche Feindsender ZDF behauptet, wir hätten chinesische Fans gemietet, um unser Team anzufeuern. Die Wahrheit ist: Nordkorea ist die Wiege der Menschheit, nordkoreanisches Blut fließt in jedem Menschen.

21.29 Uhr Gerade lacht ein früherer deutscher Torwart im Fernsehen über seine eigenen Witze. Er ist stärker geschminkt als unsere Balletttänzerinnen am Nationalfeiertag.

21.30 Uhr Die zweite Halbzeit hat begonnen. Unser Team hat sich darauf verständigt, vier Tore zu schießen.

21.34 Uhr Ein brasilianischer Spieler versucht, einen unserer Spieler zu töten. Es ist immer unschön zu sehen, wenn Menschen Gewalt einsetzen, um ihre Ziele durchzusetzen.

21.37 Uhr Selbstverständlich liegt es mir fern, Kritik an unserer Mannschaft zu üben, aber es wäre nun allmählich Zeit für ein Tor. Die Möglichkeiten sind reichlich da.

21.38 Uhr Gerade bekam ich einen Anruf, nun bin ich wieder bei Ihnen. Selbstverständlich hat unser Team das Recht, dann ein Tor zu schießen, wenn es das für nötig hält. Keinesfalls aber nur deshalb, weil ich es für nötig halte. 1000 Kalorien pro Tag haben mir sowieso gereicht.

21.43 Uhr Nun setzen wir die Brasilianer mächtig unter Druck. Diese wissen sich nicht anders zu helfen und marschieren mit Artillerie auf. Klar, dass unter diesen Umständen das 1:0 für Brasilien fällt.

21.47 Uhr Eine wichtige Durchsage für die Angehörigen unserer nordkoreanischen Nationalspieler: Bitte warten Sie nach dem Spiel vor Ihrer Haustür. Nehmen Sie ein paar Kleidungsstücke mit. Unser Militär wird Sie in einen Vergnügungspark mit vielen Blumen bringen.

21.51 Uhr Aber auch in dieser schwierigen Phase vergessen wir unsere nordkoreanischen Tugenden nicht. Pflichtbewusst teilen unsere Spieler in einer südafrikanischen Armenküche Suppe aus. Nach der Rückkehr steht es weiter 1:0 für das Land, das ab morgen nicht mehr Brasilien sein wird.

21.53 Uhr Andere Länder würden in dieser Situation mit ihrer Atombombe drohen. Wir jedoch setzen diese ja nur zu zivilen Zwecken ein.

21.56 Uhr Was werden unsere freiheitlich orientierten Qualitätszeitungen morgen wohl titeln? Nordkoreas Halbgötter siegen 6:1? Brasilien geht mit 1:7 unter? Die Welt liebt Nordkorea? Schön ist es, auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein?

21.59 Uhr Brasilien erzielt das 2:0 mit Unterstützung ihrer Luftwaffe. Unsere Soldaten haben in ihren Gewehren ja bloß Rosen stecken. So rächt sich Pazifismus.

22.02 Uhr Einige unserer Nationalspieler werden nun mit Augenbinde in die Katakomben geführt. Da sind ihnen aber bloß die Stirnbänder runtergerutscht. Dort werden sie mit dem Farbkasten ein schönes Bild für den großen Friedensstifter malen.

22.06 Uhr Es erfüllt mich voller Stolz, dieser Mannschaft zuzusehen. Wie wir weiterhin die Brasilianer dominieren macht micht so glücklich wie der Tag, als vor drei Jahren in unserem Land der elektrische Strom erfunden wurde.

22.10 Uhr Soeben erreicht mich direkt aus unserem Ministerium für Wahrheitsliebe die Nachricht, dass unser Team heute in den ungewohnten gelben Auswärtstrikots spielt, Brasilien in den üblichen blutroten. Das bedeutet Nordkorea führt mit 2:0. Ein standesgemäßes Ergebnis und der erste Schritt auf dem Weg zum Weltmeistertitel. Ich entschuldige mich vielmals für den Irrtum. 500 Kalorien täglich? Kein Problem. Ich bin dick genug.

22.11 Uhr Und ich hatte mich bereits gewundert, weshalb wir heute so grauenhaft spielen. Das hätte ja bedeutet, dass sich unser großer Friedensstifter geirrt hätte mit seiner Aufstellung. Mich erschaudert allein der Gedanke.

22.14 Uhr Wird das ein Fest werden auf den Straßen unseres Landes. In unserer Hauptstadt Pjöngjang werden zur Feier des Tages die Teelichter in den Straßenlaternen entzündet.

22.16 Uhr Nun haben wir auch die Größe, unserem Gegner das Ehrentor zu gönnen. Brasilien schießt das 1:2. Häufiger wird sich dieses Team in der Vorrunde nicht mehr freuen.

22.18 Uhr Das Spiel ist vorbei. Nordkorea gewinnt das Spiel mit einem überragenden 2:1. Unsere Panzer sind besser, unsere Raketen sind besser, unsere Fußballspieler sind besser.

22.20 Uhr Vielen Dank fürs Mitlesen. Meine nordkoreanischen Mitbürger, kommen Sie gut nach Hause und freuen Sie sich. Denn: Es ist noch Suppe da, es ist noch Suppe da. Wirklich.

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